Konzertmitschnitt vom 11. August 1997 in der Klosterkirche “Heilige Familie” in Betzdorf-Bruche

Henry Purcell (1659-1695)

1

Hear My Prayer, o Lord (1682)

2.42

Benjamin Britten (1913-1976)

2

Deus in adjutorium meum (1945)

5.57

Vic Nees (*1936)


3
4

Aus Fünf Motetten für gem. Chor a capella (1966):
- De profundis clamavi
- Illumina oculos meos


2.20
2.18

Carlo Gesualdo di Venosa (1560-1613)

5

Ave, Regina caelorum (1603)

3.07

Maurice Duruflé (1902-1986)


6

Aus Quatre Motets sur thèmes Grégoriens (1960):
Tota pulchra es, Maria


2.46

Trond Kverno (*1945)

7

Ave maris stella (1976)

5.07

Benjamin Britten

8

A Hymn to the Virgin (1930/34)

4.11

Johannes Brahms (1833-1897)


9

Warum ist das Licht gegeben dem
Mühseligen op. 74 Nr. 1 (1877)


11.17

Heinrich Schütz (1585-1672)

10

Selig sind die Toten SWV 391 (1648)

3.53

Peter Planyavsky (*1947)

11

Und dann sah ich ... (1991)

4.05

Peter Planyavsky

12

Psalm 269 (1989)

3.08

Claudio Monteverdi (1567-1643)


13

Aus Vespro della beata Vergine (1610):
Lauda, Jerusalem


5.52

Maurice Duruflé


14

Aus Quatre Motets sur thèmes Grégoriens (1960):
Ubi caritas


3.02

Klage, Bitte und hymnischer Jubel

 

Aus dem Booklet zur CD:

Seit rund 3000 Jahren sind die Psalmen wesentlicher Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes. In ihnen kommt das ganze Spektrum menschlichen Denkens und Empfindens zum Ausdruck: Depression, Klage und inständiges Bitten ebenso wie Hoffnung, Freude und hymnischer Jubel.

Im christlichen Gottesdienst haben die Psalmen ihren Platz vor allem im Stundengebet, das alle 150 Gesänge in strenger, regelmäßiger Abfolge enthält, sowie im Wortgottesdienst der Meßfeier, in der ein sogenannter Antwortpsalm der meditativen Vertiefung der alttestamentarischen Lesung dient. Die einstimmige Psalmodie als musikalische Urform, das Psalmlied als praktikable Umsetzung für die Gemeinden sowie unzählige Psalmvertonungen aus allen Epochen der Musikgeschichte für die verschiedensten vokalen bzw. vokalinstrumentalen Besetzungen zeugen von der Bedeutung der Psalmen für das geistlichmusikalische Leben des Christentums zu allen Zeiten.

Im hier vorgestellten Programm des Gesualdo Ensembles bilden die Psalmen sozusagen die Eckpfeilers. Sie schlagen einen Bogen von den Klage und Bittgesängen hin zu den Hymnen und Lobliedern. Damit umschließen sie den großen Mittelteil, bestehend aus vier Marienmotetten sowie drei Werken mit einem endzeitlich ausgerichteten Inhalt. Wesentliches Merkmal aller vier Programmabschnitte ist die vergleichende Gegenüberstellung von Kompositionen verschiedener Stilepochen, vornehmlich von Werken des 17. und 18. Jahrhunderts und solchen unserer Zeit.

“Anrufungen” - so könnte man zusammenfassend die vier ersten Psalmmotetten überschreiben. Während Henry Purcell bei der Vertonung von nur einem Vers aus Psalm 102 ein achtstimmiges, sich ständig verdichtendes Klanggewebe schafft, liegt der Reiz der Komposition von Benjamin Britten im ständigen Wechsel der Affekte und Stimmungen. Seine vollständige Vertsmung des 70. Psalms, die übrigens einer Schauspielmusik entnommen ist, ist ein schönes Beispiel für eine typisch motettische Schreibweise mit detaillierter und feinsinniger Textausdeutung.

Die beiden Kompositionen des Belgiers Vic Nees (aus den Psalmen 130 und 13) wirken fast wie Miniaturen, sind in ihrer Textbezogenheit jedoch nicht weniger ausdrucksstark und eindringlich. Hier sei vor allem auf den Schluß des zweiten Stücks hingewiesen, wo sich über der elementarformelhaften Einstimmigkeit der Männerstimmen (“Der Feind soll nicht sagen: Ich habe ihn überwunden”) ein achtstimmiger Aufschrei der Frauenstimmen erhebt (“Erleuchte meine Augen!”).

Diese stark vom Detail geprägte Wechselbeziehung zwischen Text und Musik tritt in der nächsten Gruppe von Motetten fast völlig in den Hintergrund zugunsten einer viel stärker von Fläche und großem Bogen bestimmten Schreibweise. Das Thema ist auch ein gänzlich anderes:

Marienmotetten - aus verschiedenen Epochen und Ländern. Der Namenspatron des Ensembles, Carlo Gesualdo di Venosa, jener exzentrische Fürst, dessen Musik mit ihrer eigenwilligen Harmonik und unorthodoxen Stimmführung nach fast 400 Jahren auf heutige Ohren immer noch bisweilen schockierend wirkt, schuf unter anderem mehrere Bücher mit geistlichen Vokalwerken, die Sacrae cantiones, denen das fünfstimmige Ave Regina caelorum entnommen ist. Auch diese Vertonung der marianischen Antiphon für die Fastenzeit enthält einige überraschende Wendungen und Rückungen, die der Musik eine plastische, schillernde Farbigkeit verleihen.

Wie in fast allen Werken Duruflés, bildet auch in seinem Tota pulchra es, Maria für 3-6 stimmigen Frauenchor eine gregorianische Choralmelodie die Basis für die Komposition. Hier ist es eine Laudes-Antiphon, die Duruflé in seinem sanften, klanglich betörenden Stil verarbeitet.

Als Thema mit Variationen vertonte im Jahre 1976 der Norweger Trond Kverno den siebenstrophigen Hymnus Ave maris stella.

Durch geniale Einfachheit besticht schließlich A Hymn to the Virgin, ein Stück, das Britten als 17jähriger schrieb. Die anonyme Textvorlage ist dem Oxford Book of English Verse entnommen und entstand um das Jahr 1300. Zu dieser Zeit erfreuten sich zweisprachige Texte großer Beliebtheit; Britten läßt die beiden Stränge im Wechsel von zwei vierstimmigen Chören in ganz schlichtem Satz vortragen  und erreicht eine große Wirkung.

Mit den Worten des alttestamentarischen Hiob stellt Johannes Brahms die entscheidende Frage nach dem Sinn menschlichen Daseins an den Anfang seiner Motette: “Warum?”. Und bohrend wiederholt er diese Frage immer wieder, bis die Musik scheinbar in sich zusammenfällt. Doch die vertrauensvolle Hinwendung zu Gott und geduldige Annahme des Leides führen schließlich zu einem trostreichen, ja Ichpreisenden Ende des Werkes. Wie in vielen seiner Motetten und vor allem auch in seinem Deutschen Requiem trifft Brahms auch hier eine Textauswahl aus den verschiedensten Büchern der Bibel, die in dieser speziellen Zusammenstellung eine subjektive, persönlich geprägte Sichtweise ergeben. Die musikalische Umsetzung ist dabei ungeheuer dicht und tiefgehend und in ihren Mitteln, die, wie immer bei Brahms, satztechnisch und kontrapunktisch raffiniert und bis ins Letzte durchdacht sind, auf das Wesentliche reduziert und ausgerichtet.

Hier scheint mir über die Jahrhunderte hinweg eine tiefe Beziehung zwischen Brahms und Heinrich Schütz zu bestehen: Auch bei ihm der Sinn für eine erstrangige Textauswahl, die fast nüchtern wirkende Beschränkung auf wesentliche musikalische Aussagen, der Wille, mit Wenigem viel oder alles zu sagen. In diesem Sinne betrachtet wirkt die sechsstimmige Motette Selig sind die Toten (Geistliche Chormusik, 1648) mit ihrem Text aus der Offenbarung des Johannes, also dem letzten Buch der Bibel, in der Tat wie eine letzte, endgültige Aussage, deren strahlender Dur-Zuversicht nichts hinzuzufügen ist.

Als zeitgenössisches Gegenstück dazu folgt die Vision vom himmlischen Jerusalein - ebenfalls ein Text aus der Apokalypse -, von Peter Planyavsky mit viel Sinn für Farben und Klang vertont.

Planyavsky, Organist des Wiener Stephansdomes, Komponist, Lehrer, Organisator - mit anderen Worten ein (kirchen)musikalischer Praktiker, zeigt sich in einer zweiten Komposition von einer anderen Seite: humorvoll und leicht. Verse aus den Psalmen 148 und 121 ergeben einen frohen, leichtfüßigen Lobgesang auf die Schöpfung, ehe Claudio Monteverdis klangprächtiger siebenstimmiger Psalm 147 aus der Marienvesper von 1610 Höhepunkt und Abschluß des Konzertprogramms bildet.

Aber auch die Zugabe soll in diesem Mitschnitt nicht fehlen Maurice Duruflés Ubi caritas, wiederum inspiriert von der Gregorianik sowie ausgestattet mit der für den Dukas-Schüler so typischen wärmend-impressionistischen Harmonik.

Klaus Wallrath

CD